Advent, Advent, kein Kerzchen brennt!
Wenn überhaupt, glüht LED – und bald fällt nur noch künstlich Schnee!
Wir sind doch die moderne Welt, die für die Leistung lebt,
bis dann ein Kind zu Boden fällt und sich nicht mehr erhebt,
erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier,
dann fünf – na ja, wie dem auch sei:
Der Weihnachtsmann hat dies’ Jahr frei.
Santa’s Got a Problem
Burnout am Adventskranz
Es war ein frischer Nordpolnovembermorgen. Eine Regenbogenfamilie von Eisbären stiefelte in Winterboots am bunt geschmückten Fenster vorbei, während der fröhliche Kinderlieder pfeifende Elch von Nebenan etwas Puderschnee von der Türschwelle schob. Im Haus zogen Lebkuchendüfte von einer in die nächste Ecke und das Teelicht mit Vanillearoma erwärmte den Küchentisch …
Was für ein ekelhafter Tag. Santa Claus hatte eine Tasse Lavendelblütenmandarinenkokossplitter-Tee vor der roten Nase stehen – überhaupt schon eine Geschmacksrichtung, die gegen sämtliche Menschenrechte verstieß – und las die üblichen Schlagzeilen der Tageszeitung zu seinem Karpfen-Filet: Irgendeine austauschbare Truppe hatte mal wieder irgendein noch austauschbareres und bald notwendigerweise auszutauschendes Gebiet in die Luft gejagt; ein Politiker wagte den ersten Jahresrückblick für einen weichgespülten Fernsehsender; eine bemitleidenswerte Schauspielschönheit war potentiell von ihrem Ehemann betrogen worden und die kleine Lisa gab Tipps, wie man ohne großen Aufwand Last-Minute-Geschenke für die ganze Familie basteln kann. Santa hatte keinen Appetit mehr.
Er begann, aus reiner Nervosität heraus seine alte Pfeife zu stopfen, als einer der Weihnachtselfen in die Küche trat. – Sein Arzt hatte ihm beim letzten Besuch dringend vom Rauchen abgeraten: „Ich geb Ihnen noch 20 Monate, höchstens!“ Das war jetzt 15 Jahre her. Also hatte Santa die alte Gewohnheit wieder aufgegriffen und auf das Durchhaltevermögen seiner Lungen spekuliert. Mit Erfolg. Inzwischen war der stresshemmende Tabak nicht mehr fortzudenken. – Ein Weihnachtself betrat also die Küche und schnipste einen Jutebeutel mit aufgedrucktem Posthorn auf den Tisch.
„Hier sind die Zustellungen von heut Nacht“, näselte er mit herausfordernd angehobener Stirnpartie.
„Ist noch was?!“, brummte Santa und ließ die Pfeife sinken.
„Mister Claus, haben Sie schon über eine Gehaltserhöhung nachgedacht?“
„Von drei auf dreieinhalb Marzipankugeln pro Weihnacht?“ Santa erinnerte sich. „Nein!“
Eingeschnappt verließ der Elf den Raum und überließ Santa dem Berg von Briefumschlägen. Fanpost und amtliche Post waren ständig vermischt. Mittlerweile kaum noch zu unterscheiden. Santa überflog ein paar der Krakeleien. „Ich wünsche mir ein Einhorn“, daran hatte er sich ja schon gewöhnt. „Ich wünsche mir einen Jackpot im Lotto“, auch diese Anfragen kamen häufiger. „Ich wünsche mir, dass der Papa die Mama nicht mehr schlägt“ – also da gingen die kleinen Scheißer zu weit; er konnte sich freilich nicht um alle Wünsche kümmern! Als hätte er sonst nichts zu tun … Erzürnt kippte Santa den Tee aus dem Fenster.
Jedes Jahr derselbe Mist. Anfangs hatte er das ja noch ernst gemeint mit der guten Tat und dem Wohlfahrtsgedanken hinter seinem Job. Aber letzten Endes war das doch nichts fürs Leben. Er hatte das Gefühl, mit der Zeit seien seine Klienten immer undankbarer geworden, oder es lag daran, dass er einfach schon so viele beschenkt hatte. Oder es lag daran, dass ständig diese alljährlichen Bundesverdienstkreuze und Friedensnobelpreise und wie die alle heißen mochten ausschließlich an irgendwelche Völkerrechtsillusionisten und Unterschichtspropagandisten (bestenfalls gleich beides in einer Person) gingen, aber nicht ein Mal an den Weihnachtsmann. Und so war das Schenken seit Langem nur noch zu einer entsetzlichen Routine verkommen. Jetzt konnte er unmöglich noch umschulen – aber das Rentenalter war einfach noch nicht in Sicht! Seit über 100 Jahren übrigens schon nicht …
Nicht nur, dass er seine Berufswahl bereute. Ihm war auch unsäglich langweilig. Postkarten romantisierten die Schneelandschaft bis aufs Äußerste, Santa fand mittlerweile sogar die Polarlichter scheiße. Tja. Jetzt kam er hier nicht weg. Ein Dutzend Versuche hatte er bereits darauf verschwendet, einen Antrag auf Versetzung in den Süden zu stellen, der dann doch nur wieder von den Behörden zurückgewiesen wurde. Teils mit der stumpfen Begründung, sie könnten ihn anhand seiner Personalakte nicht erfolgreich identifizieren. Andere wiesen darauf hin, er stünde quasi unter Personenschutz, lebe undercover und könne folglich nun wirklich nicht aus der Abgeschiedenheit in die gemeine Bevölkerung austreten. Wie naiv er nur gewesen war, als er diesem fragwürdigen Angebot zugestimmt hatte! Die Folgen, nämlich das Festsitzen in einem kargen Niemandsland ohne jede Aussicht auf etwas Neues, musste er nun bitterlich tragen.
Während er sich das Hirn darüber zermarterte, ob er wohl eher Reisebegleiter oder Surflehrer hätte werden sollen, räucherte er seinen Karpfen ein zweites Mal im Dampf seiner Pfeife. Und da stieß er auch schon auf den verschwörerischen Briefumschlag mit der roten Schleife und dem kitschig glitzernden Druckmotiv. So eklig konnte eigentlich nur ein Werbeprospekt für seine Frau sein, doch nichtsdestotrotz stieß er das Klebersiegel mit seinem fischigen Essbesteck auf.
Liebe/r Herr/Frau Santa Claus,
laut unseren Daten bist du seit 85 Jahren Werbepartner von CocaCola®. Diesen Werbevertrag möchten wir gerne auflösen.
Für unsere neuen Werbekampagnen benötigen wir ein frischeres Gesicht (deines ist ehrlich gesagt ziemlich in die Jahre gekommen) und konnten uns mit einer singenden jungen Dame einigen, die durch ihren Auftritt in einem frostigen Animationsblockbuster besonders die Zielgruppen von zartem Alter bereits um Längen besser anspricht.
Frohe Weihnachten wünscht CocaCola®.
Santa ließ die Pfeife im Filet landen. Sie wollten ihn ersetzen? Sie hatten ihn ersetzt! Und das auch noch durch ein Mädchen! Ein Paar siamesischer Zwillingselfen trat die Küchentür auf und posaunte im Chor:
„Mister Claus, Mister Claus, Sie haben doch nicht etwa den Termin beim TÜV vergessen?“
„Dem Weihnachtsschlitten fehlt doch noch diese Öko-Plakette“, sagte der linke.
„Und Sie wollten doch noch die gefälschten Asylantenausweise für die zehn Rentiere aus Rumänien besorgen“, ergänzte der rechte.
„Nicht – dass – noch – raus – kommt – dass – Sie – keine – Ren – tier – steuer – gezahlt – ha – ben!“, quäkten die beiden wieder vereint.
Santa Claus hörte ihnen schon gar nicht mehr zu, als sie ihren Vortrag über Schwarzarbeit ausführten. Er musste sich erst wieder die Gräten aus dem Ohr pulen, die sein Frühstück in ihn gespießt hatte, als er seinen Kopf in die Schüssel fallen gelassen hatte. Für den Rest des Tages verbarrikadierte er sich in einem künstlichen Iglu auf dem unbebauten Grundstücksteil, der nur aus Packeis bestand und den Santa scherzhaft seinen Wintergarten nannte. Er wollte Löcher in die Decke starren, aber seine Gedanken waren leider nicht so erwärmend, dass sie Eisblöcke hätten schmelzen können. Ganz im Gegenteil. In den folgenden Stunden leerte er vier Flaschen Schnaps.
Als sich Santa Claus wieder aus seinem Versteck befreite, tat er das noch auf wackligen Beinen und nur unter dem Vorwand, neuen Pfeifentabak zu holen. Im Haus angekommen, erblickte er das zu Boden gefallene Kalenderblatt: Es war Dezember! Santa schnappte nach Luft und geriet in einen Hustenanfall, da sich ein Reststück Karpfengräte aus seinem Bart gelöst hatte und in die Luftröhre gelangt war. Wo war sein Mantel, wo die Fäustlinge? Nichts wie los an die Arbeit – dann besann er sich ein paar Sekunden, stellte fest, dass es noch nicht Weihnachten, aber trotzdem schon verdammt nah dran war, und dass dieser Anfall doch nur ein weiterer Beweis dafür war, dass ihm diese anstrengende Lebensweise ganz und gar nicht gut bekam.
Wie aus dem Nichts rumste etwas im Obergeschoss und Schritte folgten. Bei Santa läuteten alle Alarmglocken: Sicher war das seine Frau, Sandra Claus, die sich auf den Weg zur Arbeit machen wollte. Seit das Frauenwahlrecht seine Finger im Spiel hatte, wollte sie sich nicht mehr nur aufs Sockenstricken beschränken und stattdessen auf eigenen Beinen stehen, irgendwas mit Kindern machen oder gar mit „Medien“. Santa gefiel das überhaupt nicht mit der Gleichberechtigung, das kratzte irgendwie an seinem Geltungsbedürfnis, wie sollte er seine Frau denn jetzt noch von sich abhängig machen? Na und wenn sie ihn hier unten antreffen würde, würde sie ihm wieder vorhalten, Rentierschlittenfahren sei kein Sport und den müsse er aber unbedingt machen, um seine Adipositas abzutrainieren, die durch den ständigen Kekskonsum auf seinen beruflichen Touren mittlerweile außer Kontrolle geraten sei und wegen der er früher oder später in einem Kamin feststecken bliebe, und wenn sie dann noch erführe, dass ihr Mann mittlerweile des Alters wegen nicht mal mehr Werbepartner war, wäre für Santa alles gelaufen; das wollte er mit allen Mitteln vermeiden – Santa haute ab.
Die Macht der monotonen Gewohnheit trieb ihn in die Weihnachtswerkstatt, wo Tausende von Weihnachtselfen ihrer üblichen Arbeit nachgingen und dabei so überdimensionale Mengen an grellbunten Geschenken herstellten, hässlich verpackten und wacklig transportierten, dass Santa sich erstmal in den Schirmständer übergeben musste. Immerhin hatte er sich so vielleicht ein bisschen Schnaps aus dem Blut gekotzt und durfte bald wieder legal Schlitten fahren. Angewidert beobachtete er den Trubel, während er seine Pfeife anzündete. Elfen, das waren diese Wesen, die nur noch über das Einschmeißen irgendwelcher Karies verursachender Süßigkeiten funktionierten. Man hatte ihm erzählt, die Schulkinder liefen heutzutage genauso.
„Und? Wollen Sie nicht wissen, wie wir vorankommen?“, fragte ein geschäftig tuender Elf mit silbernem Zwirbelbart und Monokel.
Santa verdrehte gleichgültig die Augen und grunzte: „Ja … nee … ähh … wie geht’s denn voran?!“
Wie aufs Stichwort öffnete der Elf einen autobahnlangen Nachrichtenverlauf auf seinem Schriftrollensimulator-Tablet. Er räusperte sich dreimal kurz: „Die Mädchen-Abteilung bereitet uns dieses Jahr durchaus Probleme: Sagen wir es so, die Herstellung von festen Freunden der Marke Vampir oder 1D war bislang gänzlich erfolglos. Überhaupt ist die Spielzeugproduktion bis aufs Erste lahmgelegt, da“, er tippte einen Wunschzettel-Scan an, „die … Obama-Töchter zwei Kutschen voller Geschenke haben wollen. Beide!“
Santa erinnerte sich grob, dass dieser Obama lange gesucht und schließlich gemordet worden war. Man hatte ihn hinterher ins Meer geworfen. Das hatte Santa in der Zeitung gelesen. Unter den Umständen wollte er mal nicht so sein und der kleinen Malia Ann und ihrer Schwester Natasha ihre Kutschen genehmigen. Sie hatten es bestimmt nicht leicht als arme Waisenmädchen.
Der Elf fuhr fort: „Wissen Sie, da verpflichtet man sich dazu, alle Kinder der Welt gleich zu beschenken. Und dann kommen einige verwöhnte Rotzlöffel dazwischen, deren Eltern zufälligerweise im ganzen Land bekannt sind oder irgendwas Besonderes getan haben wie ein Selbstdenkmal zu errichten oder sich medial ausschlachten zu lassen und dann gelten für die Kinder sofort Sonderregeln; und diese Kinder scheinen auch immer mehr zu werden; so langsam sollten wir für die ganzen Extrawürste ne Fleischerei aufmachen …“
Santa hatte sich längst abgewandt und paffend an die Technikrezeption gestellt. Dieser pessimistische Elf trieb ihn in den Wahnsinn, der sprach immer das aus, was Santa selber dachte. Vielleicht konnte der Techniker – Santa hatte längst aufgehört, sich die Namen seiner Arbeiter zu merken – ein besseres Licht auf die Angelegenheit werfen.
Der bebrillte Techniker scrollte wortlos durch seinen Computerbildschirm. Er hatte eine Koboldmutter und einen Elfenvater, vermutlich war diese unglückliche Kreuzung der Grund für seine mundfaule und dümmliche Art. Mit einer plumpen Handgeste zeigte er an, dass sein Arbeitgeber gucken sollte. Höchst vorsichtig näherte der sich dem Gerät, denn Santas Beziehung zu Technik beruhte auf gegenseitiger Skepsis. Entsetzlich genug, dass dieser Gugel bei der Eingabe von „Santa“ nur ein gewisses „Santander“ vorschlug, nicht etwa den guten alten Sponsor des Fests der Liebe!
Auf dem Monitor tat sich eine mächtige Diagrammgrafik auf, die in einer Säule von außerirdischer Höhe die bisher eingetroffenen Weihnachtswünsche abbilden sollte.
Santa verschluckte beinahe seine Pfeife. „Ja? Und? Wie viel haben wir?“
Der Techniker klickte. Zu seiner Verwunderung sah Santa keinen zweiten Balken, sondern der vom Anfang vergrößerte sich so stark, dass er nicht mal mehr auf den Bildschirm passt. Der Techniker vergrößerte noch einmal. Ein drittes Mal. Und viele weitere Male. Und nach zigfacher Vergrößerung zeigte sich erstmals die Säule für die bereits geschafften Geschenke … eine fürchterlich dünne, waagerechte Linie, die Santa nur dank der Linsenverstärkung vom Frühjahr erahnen konnte. Plopp, rutschte ihm die Pfeife aus dem Mund.
„Mister Claus, erinnern Sie sich noch an die Sache mit der Gehaltserhöhung?“, näselte ihm da der Quälgeist-Elf von gestern ins Ohr.
Santa hielt sich am Rezeptionstresen fest, ehe er vor Wut aus seiner Bekleidung platzte. Das war zuletzt vorgekommen, als seine Frau ihm eröffnet hatte, sie habe vorsorglich ein Trimmgerät bestellt. Es lag ihm viel an seinem grünen Strickpullover, den er schon seit Urzeiten nicht gerne gegen die Arbeitskleidung ausgetauscht hatte. Noch mal zu platzen, galt es zu vermeiden. Als er die Pfeife aufgehoben hatte, seufzte er sehr lange: „Ich glaube, ich streike.“
„Keine gute Idee, das bringt nichts“, erwiderte der Elf kopfschüttelnd.
„Woher willst du das wissen?“, fragte Santa zweifelnd.
„Wir probieren das bei Ihnen jedes Jahr!“
Dieses Argument überzeugte Santa auf der Stelle. Frustriert wollte er aus der Werkstatt raus, um sich erneut volllaufen zu lassen, doch der Techniker hielt ihn am Armzipfel zurück. Er schloss das Diagrammfenster am Bildschirm und auf der Arbeitsoberfläche kam ein Computerspiel zutage: „Shoot the Rabbit – Easteregg Add-on“. Santa wurde auf den Sitzplatz gewiesen und durfte sich mal so richtig schön abreagieren, indem er virtuelle Osterhasen durch 15 verschiedene Level abknallte.
Als der Kalender den 6. Dezember anzeigte, hatte sich die Situation keineswegs gebessert. Santa wollte sich ein wenig die krummen Beine vertreten, schlüpfte in seinen Stiefel und hatte prompt eine Scheibe Christstollen unterm Fuß kleben. Fluchend schleuderte er den Stiefel gegen die Wand, dachte einen Augenblick nach und hinkte in Richtung Wohnzimmer zurück.
Sandra Claus trank eine Porzellantasse Lavendelblütenmandarinenkokossplitter-Tee vorm Kamin und wippte vergnügt mit ihrem rechten Wollsockenzeh. Beinahe wurde Santa warm ums Herz, wie er seine Frau da sitzen sah. Einen kurzen Augenblick erinnerte er sich an frühere Zeiten: Strippend an einer Zuckerstange, so hatte er sie kennengelernt. Wie jung sie gewesen war! Aber die weißen Haare hatte sie damals schon gehabt. Er übrigens auch …
„Ist was?“, grummelte sie zu ihm herüber.
„Ähh“, Santa begann zu stammeln, „das war echt eine nette Idee mit dem Stollen im Stiefel, danke. Das nächste Mal kannst du es ja vielleicht noch draufschreiben …“
„Hä? Ich weiß nicht, was du meinst.“
Grimmig erhob sie sich aus dem Ohrensessel – erst wirkte es, als würde sie wieder zurückkippen, dann hatte sie ihr Gewicht im Griff. Finster schlurfte sie bis in den Türrahmen, machte eine Zehenbreit vor ihm Halt, da erhellte sich ihr Gesicht mit Lachfalten – das Lächeln erinnerte an ihre jugendliche Schönheit, nichtsdestotrotz war nicht zu leugnen, dass Sandras Glanzzeiten lange zurücklagen – und sie grinste:
„Als könntest du dir noch Süßigkeiten leisten!“ Sie blickte spöttisch auf seinen weit gedehnten Pulloverrumpf. Dann kehrte sie in den ernsten Tonfall zurück: „Und jetzt mach Platz.“
Enttäuscht rückte Santa zur Seite, fasste sich an den Bauch, der vielleicht wirklich etwas weiter nach vorne gewachsen war in der letzten Zeit, drehte sich schwerfällig um die eigene Achse und rief verwirrt: „Wer hat mir denn dann den Stollen in den Stiefel gelegt?“
„Ich war das!“ Eine Elfendame schwirrte aus dem Bücherregal herbei und baute sich vor ihm auf. Sie erreichte genau Santas Kniehöhe.
Wie schön, dass ich nicht als Einziger an Kummerspeck leide, dachte Santa, bis er erkannte, dass die Elfin schwanger war.
„Den Stollen habe ich mit unserem Jüngsten gebacken, um Ihnen eine Freude zu machen. Wir haben drei Monate auf die Zutaten gespart“, erzählte die kleine Kreatur selbstbewusst und zupfte an ihrer blonden Dauerwelle.
„Das ist ja schön“, knurrte Santa. „Eine Vorwarnung wäre toll gewesen.“ Er hielt sich am Türrahmen fest, um den Fuß zu heben und auf den Teigmatsch auf der Sohle hinzuweisen.
„Wie wäre es also mit einer Gehaltserhöhung?“, fragte die Elfin mit aufdringlich verschränkten Armen. „Mein Mann schuftet sich einen ab und …“
„Das ist ja wohl die Höhe!“, polterte Santa so gewaltig, dass er etwas unglücklich mit dem Matschfuß aufstampfte – Sandra würde am Ende ihm die Säuberung des verdreckten Fußbodens überlassen.
„Aber Sie müssen das doch verstehen“, fing die Elfin nun im Klageton an, tippte sich mitleidig auf den Bauch und jammerte: „Sie haben doch auch Familie!“
Santa suchte nervös nach seiner Pfeife. Seine Frau und er hatten keine Kinder bekommen können und letztlich war es beiden egal gewesen, hatten sie doch schon so genug mit Kindern zu tun. Am Ende wäre gemeinsamer Nachwuchs vielleicht ein Faktor gewesen, der sie noch erzwungener zusammengeschweißt hätte. Dann hätte es geheißen: nein, keine Scheidung, wir müssen doch eine Familie bleiben, egal was kommt … Nun müsste er niemandem sonst was erklären, wenn er sich mal schön in einem Puff verwöhnen ließe – aber dafür war in seinem grauenvollen Terminplan leider nie Platz, Himmel noch mal!
Um seine Eltern musste er sich natürlich auch nicht mehr kümmern. Die ruhten längst in einem Altenheim am anderen Ende der Welt, wo sie einmal die Woche Scrabble spielen durften und an den restlichen Tagen Heimatromanverfilmungen vorgesetzt bekamen, die von den Pflegern als die Tagesschau ausgegeben wurden. Es war also alles in bester Ordnung.
Dann war da noch sein missratener Halbbruder, der immer schon neidisch auf den jüngeren Santa gewesen war. Er wollte auch mal mitmischen und im Rampenlicht der Konsumentenkinder stehen. Damit er Ruhe gab, wurde ihm ein alljährlicher Auftritt am 6. Dezember gestattet; manche Kunden nahmen den Unterschied nicht mal wahr. Dabei war doch offensichtlich, dass die Arbeitszustände bei Nick, dem alten Tyrann, an allen sozialdemokratischen Vorstellungen vorbeigingen. Ein gutes Beispiel war sein Knecht Ruprecht, der seit Lebzeiten unter der Diktatur seines Rute schwingenden Arbeitgebers stand. So etwas hätte es bei Santa niemals gegeben! Er war schließlich für sein gutes Verhältnis zu den Arbeitnehmern bekannt! Anfangs hatte Santa sich selbst mit Nick noch gut verstehen wollen, doch der nahm es ihm krumm, dass bei dem Adventsfirlefanz seines Bruders sein eigener eintägiger Auftritt völlig unterging. Und Nicks Vater, ein türkischer Geschäftsmann (er besaß einen Imbissladen), feierte dieses Event nicht einmal! Mit den Jahren war Nick ganz einfach zu einem regelrechten Stinkstiefel mutiert.
„Mister Claus, denken Sie an Ihre eigene Familie!“, flehte die Elfin.
„Das tue ich“, sagte Santa.
„Und?“
„Raus!“, brüllte er so laut, dass der verdorrte Mistelzweig von vor 50 Jahren von der Wand fiel. Da machte das Elfenweib, dass es davonkam.
Ein paar Tage später, nachdem er seiner Frau morgens wieder aus dem Weg gegangen war, flüchtete sich Santa Claus in den Rentierstall, wo einige seiner engsten Freunde hausten. Den Anblick der Weihnachtswerkstatt und seines eigenen Hauses hielt er einfach nicht mehr aus.
„Tagchen, Sir“, nuschelte der beinamputierte Pförtnerwichtel. „Sie sind spät zum Einreiten, aber besser spät als nie.“
Natürlich war das die Pflicht des Weihnachtsmanns, auch rechtzeitig wieder mit dem Schlittenfahren anzufangen, damit in der Weihnachtsnacht nichts schiefging auf der langen Fahrt. Lichtgeschwindigkeit war kein Kinderspiel. Doch dieser Druck ging Santa richtig auf die Leber.
„Ich würde dann ganz gemächlich mit Rudolph anfangen, wenn’s recht ist“, schnaufte er ausgelaugt.
„Wer?“
„Rudolph! Rudolph mit der roten Nase …?“
„Ach, Glühwein-Rudolph!“, kicherte der Wichtel. „Den hatte ich ja schon völlig vergessen. Und Sie können den auch vergessen! Der lebt nun in einer europäischen Großstadt an einer Verkehrskreuzung. Der fällt zwischen den Ampeln gar nicht auf!“
Santa war sprachlos und ließ seine Pfeife in Rentierdung fallen, ehe er sie stopfen konnte.
„Hat sich nen schönen Urlaub genehmigt, der Gute! Meinte, es sei ihm zu viel Stress, jedes Jahr die Rentiere anzuführen, er sei ja auch nicht mehr der Jüngste und habe schon chronische Rückenschmerzen, außerdem vertrage er die Witterung nicht“, grölte der Wichtel und patschte mit einer kurzfingrigen Hand auf sein verbliebenes Bein.
Santa riss die Augen auf. „Das ist gut!“, staunte er. „Das brauche ich auch!“
Der Pförtner schaute ihn nur verständnislos an, doch ein paar der Rentierpfleger stapften neugierig herbei.
Santa erahnte seine Chance. „Ich muss auch so einen Urlaub machen! Sofort!“
„Haben Sie vergessen, dass Sie den Nordpol nicht verlassen dürfen?“, entgegnete ein dunkel geschminkter Pflegerwichtel. „Außerdem war Rudolph ständiger körperlicher Belastung ausgesetzt, das greift bei Ihnen nicht.“
„Ach scheiße“, grummelte Santa in seinen Bart.
Da meldete sich ein minimalpigmentierter Stalljunge: „Aber ich kann Ihnen einen Tipp geben: Gehen Sie mit der neuesten Modeerscheinung.“
Santa horchte auf. „Die da wäre?“
„Sie trägt den Namen: Burnout“, sagte der Junge. „Lassen Sie sich das ärztlich bescheinigen und Sie müssen eine ganze Weile nicht mehr arbeiten!“
Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit lachte Santa Claus glücklich auf. „Junge, dich schickt der Himmel!“, rief er und fiel dem Wichtelkind um den Hals. „Aber woher kennst du diesen Börnaut so genau?“
„Meine Tante hat das auch.“
„Was macht deine Tante denn beruflich?“
„Sie knüpft Topflappen.“
„Nun denn“, räusperte sich Santa. „Gibt es hier jemanden, der mir dieses Attest ausstellen könnte?“
„Da kann ich weiterhelfen“, schrie ein bohnenstangenförmiger Wichtel mit karottenfarbenem Haar. „Ich bin zwar offiziell Tierarzt“, er wies auf ein Rentier mit Strickschal, „aber in diesem Fall mache ich gern eine Ausnahme.“
Wenig später hatten sich der Arzt, Dr. Stengele, und Santa Claus um einen runden Tisch in der Rentiercafeteria versammelt. Unter gierigen Lauschangriffen sämtlicher Wichtel stellten die beiden das Krankheitsbild zusammen.
„Die letzte Zeit ging es mir wirklich unfassbar mies“, erzählte Santa. „Alle Leute fangen direkt an zu grinsen, wenn sie mir begegnen, und ich krieg das Kotzen, wenn ich die sehe. Dann noch öffentliche Events, bei denen ich Kinder umarmen soll, deren Rotze an den Pausbacken festgefroren ist; die Eltern sind übrigens auch nicht besser. Die wollen, dass der Weihnachtsmann zu jeder Zeit für sie funktioniert, eine Runde schmunzelt und mit Ho-ho-ho stumpfsinnig anfängt zu lachen. Ho-ho-ho, was soll das überhaupt sein?! Ho-ho-holt euch doch den Tod! – das würde ich denen am liebsten ins Gesicht schreien, so weit ist es schon gekommen!“
„Das hört sich mir nach einer waschechten Winterdepression an“, schloss Dr. Stengele hochaufmerksam. Das Publikum schnappte erschrocken nach Luft.
Santa stand auf und bemerkte, dass sein Gesäß steif geworden war. Er drehte sich zu den Wichteln um und breitete die Arme aus: „Ja, gut, ich geb’s zu: ich leide an Winterdepressionen – aber ich stehe dazu!“
Zustimmender Applaus brauste auf. Jubelrufe erfüllten den alten Schuppen: „Für Santa!“, „Gegen Stress!“, „Fick die Capitol!“ – alles Mögliche schallte gegen die Holzwände und wieder zurück.
Ein neues Zeitalter war angebrochen. Santas Fans bekräftigten ihn darin, sich nicht alles gefallen zu lassen. Er musste sein Anliegen öffentlich machen und die richtigen Forderungen stellen. Dies würde das größte Medienereignis werden, das die Menschheit je gesehen hatte! Gleich nach den One-Direction-YouTube-Livestreams.
Die Hälfte der Adventskalendertürchen war geöffnet, da kam die eilende Pressemeldung raus:
„WEIHNACHTSMANN (>180): BURNOUT-SCHOCKGESTÄNDNIS
Alle Jahre wieder – nur diesmal nicht: Mit der Verkündung, dass er an einer ausgeprägten Form des Erschöpfungssyndroms leidet, versetzte Santa Claus die ganze Welt in Schrecken. Offiziellen Angaben zufolge wird es dieses Jahr kein Weihnachten geben.Eine Pressesprecherin veröffentlichte jedoch heute Mittag einen handsignierten Wunschzettel des Weihnachtsmanns, in dem mögliche Kompromisslösungen vorgeschlagen werden:
Liebe Weihnachtsmann-Kunden,
ich wünsche mir …
… eine Börnaut-Pause für mindestens diese Weihnacht.
Ja, so ist es, ich werde kein Weihnachtsfest veranstalten. Irgendwann ist genug.
Ich kann mir vorstellen, dass diese Nachricht einen Großteil bestürzt. Doch an meiner Entscheidung wird nicht gerüttelt und demzufolge fällt die Bescherung gänzlich aus; es sei denn,
sämtliche Aufgaben im Zusammenhang mit der Geschenkproduktion, der Öffentlichkeitsarbeit und der Paketverteilung per Rentierschlitten werden mir und meinen Helfern abgenommen, und zwar
von sämtlichen Politikern, Beamten, Fernsehprogrammchefs, Gewinnspielmoderatoren, Callcenteragents, Fifa-Bossen, Busfahrern, Lehrern und BWL-Studenten;
wie, das ist mir egal, Hauptsache ich hab meine Ruhe, denn ich bin zu alt für den Scheiß.
Schönen Gruß, Santa ClausErste Reaktionen zeigten sich betroffen, doch man lobte Santa Claus vielfach für den Mut zu dieser Entscheidung und hob hervor, dass die Gesundheit nunmal vorgehe. Ferner habe die Menschheit immer noch nicht aus der Vergangenheit gelernt und solle alles daran setzen, dass sich solche Schicksale in der Zukunft nicht wiederholen. Dieser Fall ermahne uns alle zum Umdenken. – Lesen Sie nun: So süß sind Garfields kleine Adventsbabys.“
Entspannt lehnte Santa sich zurück und wackelte mit den Zehen, von denen die entspannende Fußkur abperlte und in den Bottich mit heißem Wasser tropfte. Er legte die Zeitung zur Seite.
Diese Aktion konnte nur von Erfolg gekrönt sein! Allein schon mit den Politikern wäre ganz gewiss zu rechnen. Wer wollte nicht gerne „für Sie rettete ich Weihnachten“ auf seinem Wahlplakat stehen haben? Hinterher würden die Leute über ihre Bürgermeister sagen können: „Siehste, endlich tut er mal was für sein Geld!“ Selbstzufrieden über diesen Schachzug klopfte er sich auf die Plauze unter seinem grünen Pulli und stopfte sich guten Gewissens einen ganzen Christstollen in den Mund. Rudolph, sein allererster telefonischer Gratulant, hatte bestätigt, dass Santa sich jetzt all das und viel mehr verdient hatte.
Allein das Lebensgefühl, dass man offiziell für jede Nachlässigkeit entschuldigt war und einfach nichts tun durfte, bereicherte die nächsten Stunden schon so ungemein, viel stärker, als Santa es zu träumen gewagt hätte! Er konnte auf den Kalender sehen, die Zahl 24 lesen, ohne epileptische Anfälle zu bekommen, und auf CocaCola konnte er mal so was von pfeifen! Er trank jetzt Pepsi.
Am Abend aß Santa ein deftiges Karpfen-Filet und diesmal war es ein wahrer Gaumenschmaus. Selbst der Lavendelblütenmandarinenkokossplitter-Tee, den seine Frau aufgebrüht hatte, war durchaus zu ertragen. Er musste sie ja nicht wissen lassen, dass er ein, zwei Schuss Rum dazugekippt hatte.
Apropos: Sandra und er verbrachten den Abend tatsächlich gemeinsam. Das letzte Mal, als sie das getan hatten, hatte Santa noch in Jacken der Größe XL gepasst! Wenn Sandra Urlaub hatte, begann Santas wahre Arbeitszeit erst richtig, und umgekehrt. Das war doch wie verhext. Und nun waren sie von dem faulen Zauber befreit! Seine Frau hatte mitbekommen, was er der Öffentlichkeit mitgeteilt hatte. Jetzt kümmerte sie sich doch sehr aufrichtig um ihren Mann und versprach, sich vorzeitig Urlaub zu nehmen, da sie sonst einfach zu wenig Zeit miteinander verbrachten. Sie habe ja nicht geahnt, dass es so schlecht um ihn stünde. „Und wer weiß, vielleicht gehen wir dann mal zusammen Skifahren!“ Bis dahin wollte Santa aber noch nicht mit dem Abnehmen anfangen.
Nach dem Abendessen ging es mit seiner Frau direkt weiter an den Fernsehtisch. Sie wollten doch wissen, wie die Welt nun mit seinem Deal umging! Und was sie im Nachrichtenprogramm erwartete, ließ Santas Maniküreset zu Boden kullern: weinende Kinder der Ersten, Zweiten, Dritten Welt mit „Gute Besserung Santa“-Spruchbändern, Busausfälle, Schulfrei, Videobotschaften von selbsterklärten VIPs, die Santa nie gesehen hatte, die ihm unbedingt ihre Unterstützung erklären wollten, Aufnahmen ganzer BWL-Kurse, die gestürmt wurden … herrlich! Die USA hatten gar beschlossen, ihre militärischen Truppen aus den Kriegsgebieten zurückzuziehen und zur Spielzeugherstellung in die Weihnachtswerkstatt zu schicken. Da seien die Soldaten endlich mal von praktischem Nutzen, mit dem Zusammensetzen von Waffen würden sie sich ja schon auskennen, und da sei schließlich kaum noch ein Unterschied zu den Kinderwünschen. Nach einer kurzen Weile standen auch schon diverse Päckchen vor der Haustür, die wahrscheinlich irgendwelche der neuen Aushilfshelfer herbestellt hatten. Aber er wusste ja, dass die ihn nen Dreck zu interessieren hatten.
Zur fortgeschrittenen Stunde klingelten auch noch seine Eisbären- und Elchnachbarn sowie eine Kleingruppe von Elfen, um sich nach Santas Befinden zu erkundigen. Deutlich entspannter, das konnte er ihnen versichern.
„Sie würden staunen“, sagte der linke der siamesischen Elfenzwillinge, „wie engagiert sich so manche Politiker um ihre Pflichten kümmern“, ergänzte der rechte. Sie packten sich an den äußeren Armen und glucksten: „So – hart – haben – die – noch – nie – ge – ar – bei – tet!“
Sandra Claus schenkte allen eine Runde heißen Tee ein. Einer der Elfen kam Santa irgendwie besonders bekannt vor, und als sich ihre Blicke kreuzten, öffnete der den Mund (aber nur einen kleinen Spalt, denn er näselte): „Ähh, vielleicht wäre es eine Überlegung wert, das Gehalt …“
Santa wandte sich zur Seite und entdeckte eines der Pakete auf der Türschwelle. Das grellgrüne Pappschild war beschriftet mit „500er-Pack Marzipankugeln; adressiert an Claudia Roth“. Er bückte sich lachend und drückte dem verdutzten Elfen das breite Paket in die Arme: „Hier, werdet damit glücklich!“
Es fand insgesamt noch eine hübsche Sause im Eingang des Weihnachtsmannhauses statt. Die Nacht aber gehörte Santa und Sandra Claus ganz alleine. So lange hatten sie schon in getrennten Schlafzimmern gelebt, doch jetzt begannen sie, das gemeinsame wieder einzuführen. Und bevor das an fremde Ohren gelangen konnte, stimmten die siamesischen Zwillingselfen eine Dauerschleife „Stille Nacht“ an.