Kunstwissenschaftliche Analyse

Sonderweg für Fußgänger

Straßenschild mit Aufkleber

In der folgenden Ausarbeitung besprechen wir das Kunstwerk „Sonderweg für Fußgänger“ eines anonymen zeitgenössischen Künstlers.

Wir sehen ein kreisförmiges, weiß umrandetes Bild in leicht verblichenem Signalblau, auf dem zwei sehr vereinfachte abstrahierte Personen als weiße Umrisse zu sehen sind: auf der linken Seite eine Frau, auf der rechten eine Person in Kindsgröße. Letztere als pflegebedürftigen Kleinwüchsigen einzuordnen, wird durch die Tatsache hinfällig, dass die Proportionen der Körperteile einstimmig sind und die erwachsene Frau in einer muttertypischen Pose die Hand des Kleinen hält.

In der ansonsten so simpel strukturierten Darstellung springt selbst dem Laien ein geschicktes Detail sofort ins Auge: An der Stelle des Frauenkopfes befindet sich kein, wie es zu erwarten gewesen wäre, weißer Kreis, sondern eine runde Grafik mit der kapitalisierten Serifenaufschrift „YOU’LL NEVER / WALK ALONE“. Inmitten eines goldgelben Lorbeerkranzes befinden sich zwei ungleiche Embleme, unterhalb derer je eine Flagge zu sehen ist. Auf der linken Seite ist eine Rautenform mit je drei schwarzen und weißen horizontalen Streifen und einem schwarzen „B“ im geometrischen Schwerpunkt platziert, welche das Vereinslogo der Borussia Mönchengladbach verkörpert. Das zweite Emblem verweist mit einem kormoranartigen roten Vogel und den Buchstaben „LFC“ auf den britischen FC Liverpool, der für seine Hymne „You’ll never walk alone“ bekannt ist. Die Teams stehen durch ihre bodenständige, nationenübergreifende Vereinsfreundschaft in einem Zusammenhang mit diesem Slogan. Doch der Eindruck täuscht.

Bedenkt man die Vereinsfarben, welche sich aus den jeweiligen Flaggen ergeben, so lässt die überbrachte Botschaft dem Betrachter das Blut in den Adern gefrieren: Das Schwarz-Weiß-Grün Mönchengladbachs entspricht, genau wie die Rautenform des Logos, eindeutig den klassischen Lakritz-Farben, wohingegen der LFC durch die typischen Gummibärchentöne Rot, Weiß und Gelb vertreten wird. Wie allgemein bekannt, wurden diese Erzeugnisse Haribos ehemals als „Negergeld“ vermarktet und reihen sich somit in die schandhafte Geschichte unserer Kolonialpolitik ein. Die unterdrückenden Gummibärchenerzeuger lassen durch den Gelatinegehalt und somit die bei uns übliche stark ausgeprägte Verwendung massenproduzierter Nutztiere auf die Identität Liverpools als typisch deutsche, westliche Großmacht schließen (der gewählte Name „Liverpool“ (zu Deutsch: Leberteich) kann dabei kaum Zufall sein). Die Bevormundung der Negriden durch die westlichen Weltmächte zeigt sich offenkundig, wenn auch geradezu plakativ, an dem schwarzen Untergrund dieses Aufklebers, der die Weißheit der Personen gekonnt kontrastiert: Am Beispiel der abgebildeten Frau werden wir ermahnt, dass auch heute noch rassistisches Gedankengut in bzw. auf unseren Köpfen klebt. Nach wie vor werden die Unterdrückten bevormundet und dabei ins Elend gestürzt – belegbar an den mit Liverpool konnotierten Katastrophen 1985 und 1989 – sowie durch die Satellitenstaaten überwacht und nie in Ruhe gelassen („you’ll never walk alone“ als Karikatur der wahren Kolonialisierungsabsichten sendet dabei eindeutige Zeichen).

Ein anderer Interpretationsansatz bleibt die negative Auslegung des Slogans „You’ll never walk alone“ als Drohung statt Versprechen in gestörten Familienbeziehungen. Einerseits hat sich die Mutter mit dem scheinbar ungewollten Kind eine lebenslange Last an den Leib gebunden, denn dieses Wesen lässt sich nun nicht mehr abtreiben und bedarf Fürsorge und bis ins Erwachsenenalter einer intensiven Eltern-Kind-Beziehung. Doch wo ist der Vater? Ganz offensichtlich ist die Mutter alleingelassen mit diesem Problem und sieht sich mit gesellschaftlichem Druck und Überforderung konfrontiert.

Andererseits bewirkt ein Perspektivwechsel, dass die Mutter dem Kind lebenslange Überwachung androht und es seiner Freiheiten beraubt. In einer krankhaften Borderline-Beziehung vereinnahmt die Mutter das Kind ganz für sich, beeinflusst jede seiner Taten mit ihrem Kontrollwahn, hindert es an der Abnablung und provoziert ein lebensunfähiges Muttersöhnchen, welches isoliert und an die Mutter gebunden bis ans Lebensende für die Altenpflege verantwortlich gemacht wird.

Der kritische und natürlich feministisch in der 3. Welle eingestellte Betrachter wird sofort erkannt haben, dass der Künstler mit der Auswahl seiner abgebildeten Protagonisten den Konsens unserer immer noch patriarchalisch eingestellten Gesellschaft wiedergibt, indem – wie ganz selbstverständlich – eine ihrer klassischen Gender Role kritiklos nachgehende Frau im Kleid als Elternteil dargestellt wird, der sich alleine um das Kind zu kümmern hat. Das unschuldig-reine, weiße Kleid der Frau trägt auf der rechten unteren Seite einen schmutzigen Fleck, der eine Vergewaltigung der Frau suggeriert, die die Zeugung des Kindes zur Folge hatte, aber zugleich an die Jungfrau Maria erinnert.

Kein Zufall ist auch die Besetzung des Kindes durch einen Jungen, wie unschwer an der abweichenden Kleidungsform im Gegensatz zur Mutter zu erkennen, da auch heute noch Söhne mehr Rechte und Unterstützung erfahren als Mädchen. Beeindruckenderweise verzichtet der Künstler allerdings bei beiden Personen auf angedeutete Kopfbehaarung, die Frau trägt demnach keine Zöpfe, sondern einen kurz rasierten Emanzenschnitt. Hiermit verdeutlicht der Künstler die notwendige Revolution des feministischen Individuums, welches zugleich seine vorgeschriebene Geschlechterrolle nicht vollständig ablegt, aber auch andere Menschen und v. a. das eigene Kind zur generationen- und genderübergreifenden Rebellion überzeugen kann. Auch in diesem Sinne walkt die Frau nicht alone.

Der kreisförmige Ausschnitt des Kunstwerks und das wiederkehrende Motiv der elliptischen Köpfe deutet jedoch noch auf ein ganz anderes entscheidendes Momentum des Existenzialismus hin: Der „circle of life“, also der Lebenskreislauf, verweist auf den Weg von der Wiege bis ins Grab, der mit den Worten des Nicht-allein-Gehens überschrieben wird. Dieser erstellte Zusammenhang erscheint im Widerspruch zu der zunehmenden Isolation des Individuums in unserer westlichen Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung und ignoriert zynisch die geringe Unterstützung für alleinerziehende und berufstätige Mutter sowie die Abschiebung von Senioren in Altenheime. Blanker Hohn hinsichtlich unserer Wegwerfgesellschaft? Der Künstler setzt ein deutliches Zeichen gegen die Verwahrlosung unserer Sozialkultur und verstärkt die Ernsthaftigkeit dieser Missstände durch den geographischen Kontext, indem er das Kunstwerk auf dem an einem Friedhofsgelände angrenzenden Gehweg platziert. Ob er hiermit zusätzlich die Möglichkeiten der Palliativmedizin und somit der Inanspruchnahme von Sterbebegleitung als Alternative zum Leben in der Leistungsgesellschaft hervorheben möchte, bleibt zu spekulieren.

Dramatische Bilder, die sich da auftun. Das Kunstwerk „Sonderweg für Fußgänger“ wirft vor allem zahllose erschütternde Fragen auf – und hinterlässt uns auf der aussichtslosen Suche nach den tröstenden Antworten, die es uns nicht geben will.